Der Fernbus - noch nicht wirklich brauchbar

Posted by ads on Wednesday, 2014-08-13
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Nachdem ich immer mehr Fernbusse auf deutschen Autobahnen sehe, dachte ich mir: probierst du das mal aus.

Lohnt es sich, von der Bahn auf einen Bus umzusteigen? Wie sieht das zeitlich, finanziell und mit dem Komfort aus? Ist der Fernbus eine brauchbare Alternative?

Als Vorbereitung habe ich mir einige der Buslinien angeschaut, die für meine Strecke (Berlin - Hamburg und/oder zurück) in Frage kamen. Letztendlich bin ich bei berlinlinienbus.de hängen geblieben.

Erstes kleines Manko: ich musste für einen Termin um 11 Uhr in Hamburg bei einem Kunden sein. Der Fernbus fährt um 7 Uhr los, ist aber erst planmäßig um 10:10 Uhr in Hamburg. Die Bahn fährt kurz nach 8 Uhr los, ist kurz vor 10 Uhr in Hamburg. Ok, nicht gut. Um kein Risiko einzugehen fahre ich diese Strecke mit der Bahn, aber diesmal ohne Rückfahrticket.

Nachmittags dann zum ZOB in Hamburg, das liegt gleich um die Ecke beim Hauptbahnhof, also sehr zentral gelegen und gut erreichbar. Der Bus soll um 15 Uhr abfahren, 14:40 Uhr am Bus - aber am Bus kann man kein Ticket kaufen. Also in die Schalter Halle, anstellen und warten. Dort verkauft man mir immerhin ein Ticket für 15€, während das reguläre Ticket 25€ kosten würde. Zurück zum Bus.

Die nächste Überraschung: der Koffer kostet 1€ extra. Davon hat vorher niemand etwas gesagt, das kann man auch nicht zusammen mit dem Ticket bezahlen - und eine Quittung dafür gibt es auch bloß in Form des Abholscheins, der dann später in Berlin zerrissen wird. Auf der Webseite kann man bei der Buchung ebenfalls kein Gepäck angeben und bezahlen, die Möglichkeit existiert nicht, die Extrakosten werden auch nicht bei der Buchung erwähnt. Lediglich auf der Seite mit allgemeinen Preisinformationen findet sich diese Auflistung. Ob das so mit der Preisangabenverordnung vereinbar ist …

Gut, Koffer abgegeben, rein in den Bus, empfängt mich folgendes Bild:

Papierkorb auf dem Sitz
Papierkorb auf dem Sitz

Sieht nicht schön aus, der Papierkorb wird dort auch während der gesamten Fahrt nach Berlin auf dem Sitz stehen bleiben. Nächstes Problem: angeblich sind die Busse mit WLAN ausgerüstet, der Zettel im Bus spricht aber nur von einem Passwort und lässt den Namen des WLANS unerwähnt. In Hamburg gibt es jede Menge WLANs in der Stadt und in der Liste findet sich jetzt auch nichts was auf dem ersten Blick passen würde.

Zettel mit WLAN Passwort, aber ohne Namen für das WLAN
Zettel mit WLAN Passwort, aber ohne Namen für das WLAN

Liste verfügbarer WI-Fi Netzwerke
Liste verfügbarer WI-Fi Netzwerke

Zurück zum Busfahrer und nachgefragt, aber der schaut mich nur mit einem wehleidigen bis traurigen Blick an. Also rumprobieren und bei IPmotion_Automotive_Hotspot werde ich dann fündig - nicht sehr intuitiv.

Abfahrt ist pünktlich um 15 Uhr. Neben mir am anderen Tisch haben sich drei Frauen nieder gelassen, die sich während der gesamten Fahrt über Chi, positive und negative Energien, Erdung, Yoga + Pilates sowie Guerilla Gardening unterhalten werden. Meinem Verständnis nach hat nichts davon wirklich mit Elektrotechnik zu tun. Jedoch habe ich Kopfhörer, gute Musik und Arbeit vor mir, was mich dieses Problem für die nächsten drei Stunden elegant überhören lässt.

Das versprochene WLAN erweist sich als Scherz: selbst da wo mein Handy LTE Empfang anzeigt, ist die Geschwindigkeit am Laptop kurz vor dem Stillstand und Verbindungsabbrüche die Regel. Der Download eines 50 kB großen RPM zog sich über 3 Minuten hin.

Bis Berlin rein ist der Bus dann auch pünktlich - aber in Tegel ist Stau und nichts geht mehr. Letzten Endes sind wir mit 25 Minuten Verspätung am ZOB in Berlin angekommen. Die Bahn kriegt das in der Regel besser hin. Kurz vor Ende der Fahrt beschwert sich ein Fahrgast beim Busfahrer über die verstopfte Toilette - aber da es kein weiteres Personal an Bord gibt, ist da auch nichts zu machen.

Fazit: der Preis von 15€ ist gegenüber rund 100€ für ein 1. Klasse Ticket der Bahn (mit Garantie für Steckdose, Ruhe und Tisch zum Arbeiten) unschlagbar günstig. Die rund 90 Minuten längere Fahrzeit ist verschmerzbar, da es Strom und Platz zum Arbeiten gibt. Auch stört nicht immerzu der Schaffner mit Angeboten für die neueste Tageszeitung mit den News von gestern. Das nicht funktionierende WLAN liegt gleichauf mit der Bahn - dort ist funktionierendes Mobilfunknetz entlang der Bahnstrecke auch eher die Seltenheit. Die Sauberkeit im Bus (siehe Papierkorb) könnte besser sein. Da es über 3 1/2 Stunden (mit Stau) keinen Stop und kein Service Personal an Bord gibt, sollte man sich vorher mit Speisen und Getränken eindecken. Die zeitliche Kalkulation der Strecke ist ähnlich knapp wie bei der Bahn: auf einen Anschlussbus sollte man nicht hoffen, da es immer mal einen Stau geben kann.

Der Fernbus hat meines Erachtens noch viel Arbeit vor sich, wenn er außer über den Preis mit der Bahn konkurrieren möchte.


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